Martin Göhring:
Der Zweite Weltkrieg - bis zur Kriegswende 1941
An den Anfang unseres Diskurses über Wendepunkte des Zweiten Weltkrieges stellen wir bewusst einen Aufsatz, der den Seekrieg 1939 - 1945 nicht in den Mittelpunkt stellt, sondern den Krieg zu Lande, zu Wasser und in der Luft als Einheit betrachtet. Darüber hinaus berücksichtigt er noch nicht die Erfolge der britischen Funkaufklärung („Ultra"): er wurde 1959 veröffentlicht und macht deutlich, dass allein die militärpolitischen Weisungen Hitlers einen deutschen "Endsieg" von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher machten. Ja, der "Führer" selbst reagierte zuweilen so panisch auf seine Erfolge, als ob er es geahnt hätte.
Doch mit der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges würfelte Hitler nicht allein um die Zukunft Deutschlands, sondern um das Schicksal der ganzen Welt. Gab es keine Möglichkeit, den Krieg außenpolitisch zu verhindern und eine Wende einzuleiten, noch ehe er begann? Sicherlich hätten die Politiker der Großmächte dazu schon viel früher auf den Revisionismus reagieren müssen, mit dem Deutschland nach und nach erfolgreich alle Fesseln und Beschränkungen des Versailler Vertrages löste. Aber welcher Politiker wollte sich noch ernsthaft für die alten Repressionen einsetzen? "Appeasement" - eine Politik des Gewährenlassens war die Zauberformel der 30er Jahre.
Erst mit dem Beistandspakt für Polen wurde ein Schlusspunkt unter die fruchtlose Beschwichtigungs politik gesetzt. In einem Brief an Hitler äußerte der englische Premierminister Chamberlain: man habe oft behauptet, die Katastrophe des ersten Weltkrieges wäre vermieden worden, wenn die englische Regierung von Anfang an eine klare Haltung gezeigt hätte; ob es stimme oder nicht, diesmal wolle England durch seine Haltung zu keinem tragischen Mißverständnis Anlass geben. Dieser Brief war die wirkliche Überraschung am Nachmittag des 25. August 1939, kurz nachdem Hitler für den folgenden Tag, den 26. August um 4.45 Uhr den Befehl zum Angriff auf Polen gegeben hatte. Nun aber warf die Hiobsbotschaft Hitler aus dem Gleichgewicht: um 18.15 Uhr widerrief er den Angriffsbefehl, und der Vormarsch konnte wie durch ein Wunder aufgehalten werden.
Wurde der Frieden im letzten Augenblick noch gerettet?
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Martin Göhring:
Bismarcks Erben 1890-1945. Deutschlands Weg von Wilhelm II bis Adolf Hitler. Steiner: Wiesbaden (2.Auflage) 1959 |
Polen -
nur ein Mosaikstein in Hitlers Kalkül -
wird zum Anlass für einen Weltkrieg
Die kriegerische Auseinandersetzung mit Polen stand, bevor sie begann, unter stärkster Belastung. Schon die Verschiebung des Angriffstermins stiftete Unsicherheit, und das Rätselraten darum, wie die Dinge sich weiter entwickeln würden, steigerte sie. Denn die militärische Führung blieb ganz im unklaren über die Entschlüsse Hitlers. Gegen Ende August hegte sie sogar den Glauben, alles werde sich in letzter Minute friedlich regeln lassen.
Dies erklärt sich daraus, daß sie den Krieg innerlich ablehnte; außerdem kam er ihr viel zu früh. Auf manchen Gebieten waren die Vorbereitungen absolut unzulänglich. Die allgemeinen psychologischen Bedingungen lagen nicht weniger ungünstig. Jeglicher Auftrieb fehlte. Das ganze Volk hoffte bis zum letzten Augenblick auf eine gnädige Wendung, so wie das Vorjahr sie brachte. Als die Hoffnung sich nicht erfüllte, als die „Friedenstauben", deren Flügelschlag man schon zu vernehmen meinte, ausblieben, nahm man fatalistisch das Unabwendbare hin.
Doch die militärische Führung hatte einen festen Willen, einen klaren Plan und zeigte sich ganz auf der Höhe ihrer Aufgabe. Die an sich sehr gefährdeten Stellen der Ostgrenze wählte sie als operative Ausgangspunkte und sah große Umfassungs- und Zangenbewegungen vor, um den polnischen Raum zu durchschneiden und den Gegner schachmatt zu setzen. Dieser selbst kam den deutschen Absichten entgegen. Schon am 30. August ließ sich erkennen, daß er starke Truppenmassen im Korridor zusammenzog, ohne im Raum von Lodz nennenswerte Reserven bereitzustellen. So bot er sich zur Umfassung geradezu an. Mit Grund konnte man im deutschen Hauptquartier bezweifeln, ob die Polen überhaupt einen Operationsplan hätten.
Die deutsche Führung hatte zwei Heeresgruppen aufgestellt, eine nördliche und eine südliche, insgesamt rund 1,5 Millionen Mann umfassend. Die nördliche unter Generaloberst von Bock stand geteilt in Pommern und Ostpreußen, die südliche unter Generaloberst von Rundstedt im schlesischen Raum. Der operative Auftrag lautete: westlich der Weichsel-Narew-Linie die Masse des polnischen Heeres im konzentrischen Angriff aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen heraus zu schlagen. Von vornherein rechnete die militärische Führung damit, daß der gesamte Feldzug in sechs Wochen zu Ende sein, in vier Wochen sogar ein Drittel der Kräfte für andere Aufgaben frei sein könnten.
Ihre Erwartungen wurden durch die Ereignisse noch weit übertroffen. Sie waren es, die sehr schnell Zuversicht schufen und auch das deutsche Volk aus seiner Beklemmung lösten. Die Reichstagsrede Hitlers am 1. September, die ein großes Alibi vor ihm und vor der Welt sein sollte, seine Behauptung, daß Polen sich nicht nur jeder friedlichen Lösung versagt, sondern durch fortgesetzte Greueltaten gegen „Volksdeutsche" im Korridor und schließlich durch den (von Himmler und Heydrich inszenierten) Überfall auf den Sender Gleiwitz Deutschland herausgefordert habe, hatte kaum gezündet. Sein pathetischer Ausruf: „Ich habe wieder jenen Rock angezogen, der mir selbst der heiligste und teuerste war; ich werde ihn nur ausziehen nach dem Siege oder — ich werde dieses Ende nicht erleben!" vermochte keine Begeisterung auszulösen, denn jedermann konnte aus ihm nur die Alternative heraushören: Sieg oder Untergang.
Noch ehe Hitler erkannte, daß er durch Verhandlungen nicht unmittelbar zum Ziele gelangen würde, gab er die Weisung, am 1. September morgens 4.45 Uhr den Angriff zu eröffnen. An die Truppen richtete er den lapidaren, offensichtlich von einem berühmten historischen Beispiel inspirierten Tagesbefehl: „Ich erwarte, daß jedermann seine Pflicht bis zum letzten erfüllen wird." Dem Befehl gehorchend, marschierten die Truppen; sie trafen auf einen tapferen, aber schlecht geführten Feind. Dieser verzichtete so sehr darauf, das Gesetz des Handelns zu diktieren, daß sich schon nach wenigen Tagen die gesuchte strategische Möglichkeit abzeichnete: im Zusammenwirken beider Heeresgruppen die im westlichen Polen stehenden Kräfte zu vernichten.
Schon vom 2. Operationstag erhofft die deutsche Führung, den Ring um die feindlichen im Korridor stehenden Kräfte schließen zu können. Am 3. September war dieser tatsächlich abgeschnürt. Und am 5. September standen die deutschen Truppen bereits so weit im polnischen Raum, daß die Spitzen der Nord- und der Südgruppe, Warschau als Richtung nehmend, sich auf 150 km einander genähert hatten. Schon ließ sich erkennen, daß die Polen nicht mehr zu geschlossenen Operationen fähig waren. Am anderen Tage vermerkt Generalquartiermeister Wagner: „Der polnische Feldzug dürfte in zehn Tagen im wesentlichen abgeschlossen sein." Er sieht ein „wundervolles operatives Bild auf der Karte". Und in der Tat: der Polenfeldzug ist eine anerkennenswerte operative Leistung in der Kriegsgeschichte. Man darf dabei nicht vergessen, daß die Luftwaffe durch rückhaltlosen Einsatz mitgeholfen hat, die Siegesbedingungen so schnell zu schaffen. Der Sieg selbst mußte mit rund 10.500 Toten, 30.000 Verwundeten und 3500 Vermißten erkauft werden. Seine Größe zeigt sich aber darin, daß nahezu 700.000 polnische Soldaten in deutsche Gefangenschaft gerieten.
In kaum drei Wochen ging dieser Feldzug zu Ende, den die Gegenseite auf viele Monate, wenn nicht auf Jahre bemessen hatte. Im Westen blieben die Franzosen und Engländer in ihren Grenzstellungen und ließen eine einzigartige Gelegenheit ungenützt. Anstatt anzugreifen, führten sie einen Scheinkrieg — man nannte ihn ,,drôle de guerre", einen für das 20. Jahrhundert fast amüsanten Krieg. Zwar hätte ein Gegenangriff seine Opfer verlangt, doch war die Kampfkraft der rund eine Million ausmachenden deutschen Verbände nicht allzuhoch anzuschlagen, bestanden sie doch zu einem wesentlichen Teil aus überalterten Jahrgängen, Weltkriegsteilnehmern. Deshalb hat die deutsche Führung alles getan, den Angriff nicht herauszufordern. Befehl war ergangen, kein Feuer zu eröffnen, und der Gegner selbst legte eine überraschende Zurückhaltung an den Tag.
Keine Kriegswende 1939 nach dem "Blitzsieg" über Polen
Verbirgt sich hinter dieser militärischen Untätigkeit etwa eine politische Geste, so mochte sich Hitler fragen. Er festigte seine Position. Ein weiteres Mal trat er Hand in Hand mit Stalin vor die Welt. Dieser hatte am 17. September russische Truppen in das Östliche Polen einmarschieren lassen. Nun bestätigte ein Grenz- und Freundschaftsvertrag am 28. September den Nichtangriffspakt vom 23. August. Weichsel und Bug wurde die gemeinsame Grenze der beiden Großmächte. Ein Rest des ehemaligen Polenstaates blieb in Form eines Generalgouvernements unter deutscher Verwaltung erhalten.
Hatte sich Hitler im Vertrag vom 23. August bereits an Finnland, Lettland, Estland und Bessarabien für desinteressiert erklärt, so sprach er jetzt noch auf Grund einer anderen Grenzkorrektur Litauen der Sowjetunion als Interessengebiet zu. Zweifellos beabsichtigte er nicht, Rußland damit den Weg nach Mitteleuropa freizumachen, sondern zunächst nur, mit diesem in einheitlicher Front, als gemeinsame Siegermächte, den Frieden mit den Westmächten zu erzwingen. Es ist kein Zweifel: Hitler glaubte an einen baldigen allgemeinen Frieden und wünschte ihn auch. Seinem Vertrauensmann A. Rosenberg erklärte er: jetzt, nach dem Polenfeldzug, gedenke er, den Westmächten eine große Friedenskonferenz, eine Regelung aller Fragen „nach Vernunft und Billigkeit" vorzuschlagen. Wollten sie keinen Frieden, so werde er sie „mit allen Mitteln anfallen und vernichten".
Seiner Sache aber keineswegs sicher, berief er am 28. September, unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Reichshauptstadt, die Wehrmachtführung zu sich, um ihr seinen Entschluß mitzuteilen, noch in diesem Jahre im Westen anzugreifen. Das Ruhrgebiet schien ihm zu exponiert, die belgische Neutralität nicht eindeutig, überhaupt arbeite die Zeit in jeder Hinsicht gegen Deutschland. Er dachte an einen Angriff mit starker nördlicher Flanke durch Belgien, um als Operationsziel die Kanalküste anzustreben. Aber sofort stieß er auf den Widerspruch von Brauchitsch und Halder. Sie hatten zwei Gründe, einen offenen und einen uneingestandenen. Der offene und sehr stichhaltige: eine sofortige Offensive erzwingt keine Entscheidung, ist also strategisch sinnlos; der uneingestandene: eine Offensive macht einen Friedensschluß unmöglich; an diesen glaubten sie zu früherer oder späterer Zeit beim Verharren in den Stellungen. Einem etwaigen Angriff gegen das Ruhrgebiet wollten sie „im Nachzuge" begegnen.
Der Entschluß Hitlers zum Angriff im Westen wurde definitiv, als ein positives Echo auf seine „Friedensrede" vom 6. Oktober ausblieb. Weshalb weiterkämpfen? hatte er im Reichstag ausgerufen, seinen guten Willen zur Verständigung mit England, seine Bereitschaft zur allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenarbeit bekundet, um schließlich, Blasphemie nicht scheuend, mit nach oben gewandtem Blick dem Herrgott Dank dafür zu sagen, daß er Deutschland in dem „ersten schweren Kampf um unser Recht ... so wunderbar gesegnet" habe. Was Hitler anbot, war der Friede auf der Grundlage aller bisher geschaffenen Tatsachen, Was er verlangte, war die offene Anerkennung, daß der Versailler Vertrag in allen Punkten ungültig geworden sei, was in sich schloß, daß Deutschland auch seine früheren Kolonien zurück erhalten müßte.
Hitler schwebte eine Art Weltkonferenz zur Lösung aller Probleme, auch des der Sicherheit vor, ein garantierter Friede, und zwar sofort, „ehe erst noch Millionen von Menschen zwecklos verbluten". Er wies auch auf das Kommende hin: „Die Aufrechterhaltung der jetzigen Zustände im Westen ist undenkbar." Wie konnte er annehmen, daß die so plump angegangenen Staatsmänner einschwenken würden! Wie sehr verkannte er die Mentalität der Gegenseite, vor allem die englische! Gewiß, auch sie rangen mit der Frage: Krieg oder Frieden? Sie haben den Austrag des Konflikts vorgezogen, und ihre Gründe sind einsichtig.
Frieden schließen hieß: Akte, die als flagrante Verletzung des Völkerrechts von ihnen gebrandmarkt worden waren, gut zu heißen, also eine mit dem Ansehen einer Großmacht unverträgliche Einbuße an Vertrauen und Geltung hinzunehmen; hieß weiter, die Hegemonialstellung Deutschlands in Europa zu akzeptieren und ihm für die Zukunft freie Hand zu lassen, ihm zu erlauben, nach Belieben seine Position so auszubauen, um dann jedem Staat sein Gesetz vorschreiben zu können.
Bei einem Menschen von der Art Hitlers hatte jeder Staatsmann damit zu rechnen, zu späterer Zeit in denkbar ungünstiger Lage den Kampf um die eigene nationale Existenz führen zu müssen. Hitler scheint diese Reaktion von Anfang an befürchtet zu haben. Immerhin erfüllte dann sein Friedensangebot einen taktisch-psychologischen Zweck: es war ein Alibi vor der Welt. Sein Glaube an den Frieden kann nicht stark gewesen sein. Sonst ließe sich kaum erklären, weshalb der Gedanke, im Westen anzugreifen, so schnell Gestalt in ihm gewann. Ja, an seiner Hast erkennt man geradezu die innere Unruhe, die ihn trieb. Bereits am 9. Oktober, als die Wirkung seiner Rede sich noch nicht abzeichnen konnte, hatte er in zwei Tagen eine große Denkschrift fertiggestellt, in der er die Notwendigkeit des sofortigen Angriffs nachzuweisen suchte. Kurz darauf nannte er auch schon die Zeit zwischen dem 15. und 20. November als Angriffstermin.
In Hitlers Überlegungen fließen zwei Momente zusammen: das Reichsgebiet abzuschirmen und zugleich eine Kampfbasis gegen England als den Hauptgegner zu schaffen. Die Neutralität Belgiens und Hollands wiegt dabei nichts. Als Schlußfolgerung ergibt sich aus der genannten Denkschrift: der Angriff ist der Verteidigung vorzuziehen; er kann nicht früh genug erfolgen, weil die Vermehrung der Angriffskräfte nicht Schritt hält mit der Steigerung der Abwehrkräfte der Gegenseite.
Schon am 16. Oktober gab das OKW Weisung an die Heeresführung, eine Offensive durch den luxemburgischen, belgischen, holländischen Raum vorzubereiten mit dem strategischen Ziel, starke Teile des französischen Operationsheeres und der an seiner Seite fechtenden Verbündeten zu schlagen und gleichzeitig möglichst viel holländisch-belgischen und nordfranzösischen Raum als Basis für eine aussichtsreiche Luft- und Seekriegsführung gegen England und als weites Vorfeld des lebenswichtigen Ruhrgebiets zu gewinnen.
Der Widerstand der deutschen Generalität ist nicht stark genug
Diese für den Fall gegebene Weisung, daß die Westmächte auf das Friedensangebot nicht eingehen sollten, wurde schnell definitiv; denn Mitte Oktober mußte Hitler erkennen, daß keine Friedensaussicht vorhanden war. In einer mit Brauchitsch geführten Besprechung am 16. Oktober setzt er tatsächlich die Offensive auf die Zeit zwischen 15. und 20. November an. Jedoch am 22. Oktober notiert Halder: „Führer will am 12. November (Sonntag) angreifen." Aber keinerlei Planung lag bis jetzt vor. Nur an Abwehr war bei Beginn des Krieges gedacht.
Der in aller Eile ausgearbeitete Offensivplan richtete sich an Schlieffens Konzeption aus, präzisiert doch die zweite Aufmarschanweisung vom 20. Oktober als Operationsziel: „Die verschiedenen Streitkräfte in einem Bereich nördlich der Somme zu vernichten; es ist bis zur Kanalküste vorzustoßen." Nichtsdestoweniger dauert der Widerstand der führenden Generale, vor allem von Brauchitsch und Halder fort. Sie sehen keine Möglichkeit für einen durchschlagenden Erfolg, erblicken dagegen im Festrennen die Gefahr, daß der Krieg erstarrt. General Leeb, der OB der Heeresgruppe C, erklärt rundweg „das Ziel, die militärische Kraft Englands und Frankreichs so zu zerschlagen, daß sie zum Frieden bereit wären", für „nicht erreichbar". So appelliert er an Brauchitsch: „Vielleicht hängt das Schicksal des gesamten deutschen Volkes in den nächsten Tagen von Ihnen ab." Er weist auf die Friedenssehnsucht des Volkes hin, das jetzt von der Politik die Lösung des Konfliktes erwarte. So steift er jenem den Rücken. Und Brauchitsch versucht in der dramatischen Unterredung in der Reichskanzlei am 5. November nochmals, Hitler umzustimmen. Vergebens. Der stets mißtrauische Führer ahnt mindestens die Hintergedanken; Tatsachenmaterial beeindruckt ihn nicht; den Hinweis, daß an der Ausbildung der Truppe noch manches fehle, daß die Infanterie im Polenfeldzug die Leistung von 1914 noch nicht erreicht habe, nimmt er persönlich übel.
Hitlers erste Reaktion ist, den Oberbefehlshaber des Heeres zu entlassen. Er besinnt sich jedoch und weist dann auch das Entlassungsgesuch Brauchitschs von sich mit dem Bemerken, ein Soldat an der Front könne auch nicht gehen, wann es ihm beliebe. Eine Situation entsteht, die den opponierenden Generalen Grund gibt, um ihre Sicherheit besorgt zu sein. Es bleibt ihnen zunächst nur übrig, dem Angriffswillen Hitlers eine Art passiven Widerstand entgegenzusetzen, und sie finden einen Bundesgenossen in den Witterungsbedingungen. Diese veranlassen immer wieder eine Terminverschiebung.
Wie sehr Hitler seine Situation als Zwangslage empfand, erhellt klar aus der Ansprache an die Führungsspitzen in der Reichskanzlei am 23. November. Hier geht er gegen das „Miesmachen", oder genau gesagt, gegen den ihm verhaßten „Geist von Zossen" an und begründet eingehend seine Auffassung: der tatenlose Zustand ist untragbar; er wirkt sich in jeder Hinsicht nachteilig aus, selbst auf die Haltung der Neutralen. Andererseits liegen die Bedingungen so günstig wie seit 67 Jahren nicht mehr: ein Zweifrontenkrieg droht nicht; Rußland, im Augenblick noch geschwächt, nicht kriegsbereit und zudem durch seinen Vertrag mit Deutschland gebunden, verhält sich ruhig. In der Fortführung des Gedankens aber leuchtet er auf den Grund: Verträge werden nur solange gehalten, als sie zweckmäßig sind. Wenn notwendig, muß Deutschland in der Lage sein, den außenpolitischen Zielen Rußlands im Ostseeraum, auf dem Balkan und im Persischen Golf entgegenzutreten. Eine weitere Überlegung: der militärische Erfolg Deutschlands im Westen muß Mussolini die Handlungsfreiheit verschaffen, an der Seite Deutschlands in den Kampf einzutreten.
Ohne Angriff, sagt Hitler, ist der Krieg nicht zu gewinnen, die Frage der Verletzung der belgischen und holländischen Neutralität spielt keine Rolle. Allein der Erfolg ist oberster Richter. Oberflächlich und vermessen verweist er auf die ersten Kriege Friedrichs d. Gr., setzt dessen persönlichen Einsatz als Beispiel, um zu schließen: „Keine Kapitulation nach außen, keine Revolution nach innen." Er selbst würde die Niederlage seines Volkes nicht überleben.
Jetzt müssen Brauchitsch und Halder sich beugen. Die Planung geht vorwärts, präzisiert sich und bekommt, wie wir gleich sehen werden, ihre entscheidende Variante. Aber der als unumgänglich bezeichnete Angriff erfolgt nicht. Vom November rutscht der Termin in den Dezember, von diesem auf den Januar, insgesamt 29 mal ist er verschoben worden. Mitte Januar scheint die Entscheidung dahin gefallen zu sein, vor Frühjahr nicht aktiv zu werden. Verschiedene Gründe wirken dabei zusammen. Am wenigsten fällt wohl ins Gewicht die Notlandung eines deutschen Militärflugzeuges bei Mechelen am 10. Januar, das wichtige Dokumente mit sich führte. Bestimmend blieben zunächst die Witterungsverhältnisse, alsdann die Änderung der Planung. Nie war Hitler vom Erfolg der Wiederholung des Schlieffenplanes ganz überzeugt. Einmal vermutete der Gegner, wie anzunehmen war, etwas Derartiges, und zum anderen wich das operative Ziel vom früheren ab: nicht Schwenkung aus Nordwest nach Südwest, sondern aus West nach Nord, auf den Kanal zu. So hat Hitler schon am 30. Oktober seine engsten Mitarbeiter mit dem Gedanken überrascht, man müßte motorisierte Verbände zu einem Vorstoß in Richtung auf Sedan ansetzen. Brauchitsch und Halder hielten zunächst nichts davon. Aber ganz unabhängig von Hitler entwickelte Generalleutnant v. Manstein, Chef des Stabes von Generaloberst v. Rundstedt, eine ähnliche Konzeption, und legte sie in einer Denkschrift nieder (Replik). Sie ging davon aus, daß mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit der Gegner die Wiederholung des Schlieffenplanes erwarte und seine Maßnahmen entsprechend treffen werde.
Als diese Denkschrift Hitler später unter die Augen kam und er sich so in seiner eigenen Idee bestätigt fand, da fiel die Entscheidung zu ihren Gunsten: Verlagerung des Schwerpunktes in das Ardennen-Maas-Gebiet, Angriff mit starken Panzerkräften in westlicher Richtung, entlang der französisch-belgischen Grenze, um zunächst durch eine großangelegte Umfassung die nördlich davon stehenden Streitkräfte des Gegners zu vernichten. Dieser „Sichelschnittplan" gewann Ende Februar 1940 feste Gestalt und sollte sich als ein origineller und fruchtbarer Gedanke herausstellen.
Die Norwegen-Front:
Auch dieser Erfolg wirkt auf lange Frist militärisch kräftezehrend
Die Vorbereitung erforderte Zeit, und unterdessen war ein anderes Unternehmen in die engere Planung geraten. Fast könnte man es als Auftakt zum Westfeldzug bezeichnen: die Besetzung von Dänemark und Norwegen. Hitler erwog es praktisch seit Dezember 1939 unter mehreren Gesichtspunkten: der im Herbst ausgebrochene finnisch-russische Krieg barg die Gefahr einer Intervention der Westmächte. Dabei den deutschen Bezug schwedischen Erzes unterbinden zu können, mußte für sie den Anreiz verdoppeln, den Krieg auf Skandinavien auszudehnen.
Raeder wies auf diese Gefahr hin, und als am 13. Dezember der norwegische Nationalistenführer Quisling Deutschland besuchte, versprach er die Unterstützung seiner Partei. So gewann der Plan Gestalt, er wurde studiert. Und Anfang Februar trat in Berlin ein Sonderstab des OKW zusammen, um seine Durchführung streng geheim vorzubereiten. „Weserübung" wurde ein besonderes Unternehmen Hitlers.
Als es am 9. April 1940 anlief, konnte es als „Gegenaktion" gelten, denn Deutschland kam gerade noch, fast durch einen Zufall, einer Expedition der Westmächte zuvor. So konnten diese auch sofort in Norwegen Fuß fassen und mußten in hartnäckigen, zum Teil kritischen Kämpfen zurückgeschlagen werden. Narvik ist darin ein besonderes Kapitel. Um ein Haar hätte es übel abgeschlossen; denn Hitler zeigte eine überraschend geringe Standfestigkeit, wollte in einer regelrechten Nervenkrise dort aufgeben. Allein der Oberstleutnant v. Loßberg hat die Situation durch persönliche Initiative in der Befehlsgebung gerettet.
Insgesamt mußte die Abschirmung der nördlichen Flanke mit starken Verlusten, besonders der Marine erkauft werden. Was aber hier heldenmütiger Einsatz leistete, legt wiederum sprechendes Zeugnis von der Schlagkraft der jungen Wehrmacht und der Hingabebereitschaft des einzelnen Mannes ab. Jetzt waren auch ausgezeichnete psychologische Bedingungen für die Entscheidung verheißende Auseinandersetzung mit dem Westen geschaffen.
Keine Kriegswende 1940 nach dem Sieg über Frankreich
Am 10. Mai 1940 graut der große Tag herauf. Aus ihren Bereitstellungen brechen die bis zum letzten geschulten und von Kampfgeist beseelten Truppen zweier Heeresgruppen zum Angriff vor, während die südliche Gruppe noch verhält. Gegner von fast gleicher zahlenmäßiger Stärke messen sich. Denn erwartungsgemäß läuft der deutsche Angriff am Nordflügel gegen Holland und Belgien an, und so stehen auch diese beiden Staaten von der ersten Stunde an im Kampf gegen Deutschland. Hitler rechtfertigt die Verletzung ihrer Neutralität damit: er komme nur den Franzosen und Engländern zuvor, die durch Belgien hindurch einen Angriff auf das Ruhrgebiet planten. Belgien und Holland bezichtigte er in den ihren Regierungen übergebenen Noten parteiischer Neutralität; ein Vorwurf, der, wie Hitler wohl wußte, unhaltbar war und den auch die Forschung inzwischen klar widerlegt hat.
Überall ist der Wille zum Kampfe da. Daß er schicksalsentscheidend sein werde, ist eine sofortige Erkenntnis. England trägt ihr Rechnung, indem es seine Führung wechselt, den viel kritisierten und verbrauchten Chamberlain durch Churchill, die stärkste vorhandene Willenspotenz, ablöst.
Die Operationen vollziehen sich mit der Präzision eines Uhrwerks. Die geringe zahlenmäßige deutsche Unterlegenheit gleicht eine einheitliche, entschlossene und überragende Führung aus. Den vollen Erfolg ihrer Planung begünstigt noch der Gegner, der genau das tut, was Brauchitsch und Halder erwarteten: sofort rückten die englische und drei französische Armeen nach Norden in das belgische Gebiet ein, um den vermeintlichen deutschen Hauptstoß an der Dyle, also möglichst weit östlich, aufzufangen. Aber seitwärts von ihnen bricht sich der wuchtige Angriffskeil des Südflügels der mittleren Heeresgruppe in Richtung Sedan Bahn. Zu spät erkennen sie die eigentliche, die tödliche Gefahr. Denn sie vermögen sich von der frontal in Belgien angreifenden deutschen Heeresgruppe nicht mehr zu lösen.
So erfolgreich ist der deutsche Panzerdurchbruch, daß Halder notiert: „Führer ungeheuer nervös, hat Angst vor dem eigenen Erfolg. Schwankt zwischen kindischer Freude über Erfolg und Besorgnis. Nichts von Moltkescher Ruhe."
Am 17. Mai will Hitler in der Tat die Panzerverbände anhalten, und nur mit Mühe setzen sich Brauchitsch und Halder gegen ihn durch. Sie lassen die Verbände fortrollen; am 20. Mai erreichen sie bei Abbeville die Küste und können nach Norden eindrehen, in Richtung auf Calais und Boulogne, zum Meer.
Der erste Teil des Feldzuges ist praktisch entschieden. Holland hatte bereits nach 4 Tagen, am 14. Mai kapituliert, die Lage der belgischen Armee zeichnet sich als hoffnungslos ab, und es gilt nur noch, den langen, bei Dünkirchen an das Meer auslaufenden Kessel zu schließen. Dann sitzen auch alle Engländer und Franzosen in der Falle. Sie sind von der deutschen Strategie so betroffen, daß das englische Kriegstagebuch verzeichnet: die Deutschen „haben die schwersten Risiken auf sich genommen — verbrecherisch-törichte Risiken — und haben dabei gewonnen, haben keinen Fehler gemacht". Ja, im Manövrieren selbst.
Aber dann unterläuft ein verhängnisvoller Fehler, dessen Tragweite sich erst später enthüllen sollte. Nach dem Lagevortrag am 24. Mai verbietet Hitler den weiteren Vormarsch der Panzer. Mehrere Gründe gibt er dafür an: das für Panzer gefahrvolle Gelände — Erinnerungen aus dem ersten Weltkrieg spielen dabei eine Rolle —, die angebliche Notwendigkeit, sie für die zweite Feldzugsphase intakt zu erhalten; zudem ist er überzeugt: die Luftwaffe wird den Engländern den Rest geben. Deren Oberbefehlshaber, Generalfeldmarschall Göring, in blinder Eifersucht auf das Heer, hat es ihm fest versichert. Diesmal fällt aber ins Gewicht, daß Rundstedt, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe A, die Bedenken Hitlers teilt und diesen in seiner Auffassung bestärkt. Vergeblich sträuben sich Brauchitsch und Halder, weisen auf das Gesetz des Zusammenwirkens der Heeresgruppen A und B hin, von denen die eine die Funktion des Ambosses, die andere des Hammers erfülle. Die umfassende Heeresgruppe A, der Arm mit dem Hammer, werde mitten in der Bewegung angehalten, und das Cannae, das sich als sicher abzeichne, werde fraglich. Wie für die Fehlentscheidung an sich, so fällt auch, wie zeitgeschichtliche Forschungen ergeben, die Verantwortung für das Halt von 52 Stunden nicht allein auf Hitler, sondern das Oberkommando der Heeresgruppe A teilt sie mit ihm. Es gibt, zum Ingrimm der Panzergenerale, die von ihren Beobachtungsständen das Entschlüpfen des Gegners aus der Falle beobachten können, den Angriff erst am Nachmittag des 26. Mai wieder frei. Aber inzwischen haben die feindlichen Kräfte Zeit gefunden, sich an der Küste zu massieren, sich so abzuschirmen, daß der strategische Zweck der deutschen Operation nicht mehr erreicht werden kann. In keiner Weise vermochte die Luftwaffe ihn zu erfüllen. Allzu leichtsinnig hatte ihr Oberbefehlshaber sein Wort dafür gegeben. Er scheint nicht bedacht zu haben, daß Küstensand und Wasser die Wirkung der abgeworfenen Bomben stark herabmindern würden. Zu allem Überfluß behinderten die Witterungsverhältnisse den Einsatz bei Tag entscheidend; zu weit abliegende Ausgangsbasen der Jagdflieger beschränkten ihn sowieso.
Die Nacht blieb ganz dem Feinde, dessen Luftwaffe überdies eine überraschende Abwehr- und Schlagkraft entwickelte. Auch die Durchführung dieses Rückzuges ist einmalig in der Kriegsgeschichte. Auf rund 850 zusammengerafften Schiffen verschiedener Art, seetüchtigen und -untüchtigen, entkamen 250.000 Engländer und 112.000 Franzosen in 180 Stunden bei selten ruhiger See. Die Engländer nahmen diese Stunden als von Gott geschenkt.
Hitlers Propaganda aber sprach von der größten Vernichtungsschlacht aller Zeiten; ungeheuer war in der Tat die Beute. Als Gesamtbilanz wird eine Gefangenenzahl von 1,2 Millionen gemeldet, in die die belgische Armee einbegriffen war, die am 27. Mai die Waffen streckte. An drei Tagen läuten in Deutschland die Glocken, und acht Tage lang wird geflaggt.
Nun beginnt am 3. Juni die zweite Phase, der eigentliche Frankreichfeldzug. Die Franzosen haben sich auf sie eingestellt, haben getan, was zu tun möglich war. Ihre Führung hatte gewechselt, die politische wie die militärische. An die Stelle von Daladier ist Reynaud getreten, an die von Gamelin General Weygand, der ehemalige Generalstabschef von Foch und fähigste Kopf der französischen Generalität. Freilich schon von der ersten Stunde an war er skeptisch, und er hatte recht.
Die von ihm an der Aisne und hinter der Somme in aller Eile aufgebauten Abwehrstellungen durchbricht der mit unvergleichlichem Schwung in Richtung auf die untere Seine und den Aisne-Oise-Kanal geführte deutsche Angriff. Jetzt vollzieht sich, wie im Manöver, das, was im September 1914 mißlungen war. Gestaffelt, vom rechten Flügel bis zur Champagne läuft die Offensive. Paris umfassend, zielt ihr Stoß auf das Plateau von Langres zur Schweizer Grenze: ein neuer, kunstgerechter Sichelschnitt voll'zieht sich, das Prinzip vom Hammer und Amboß dadurch wiederholend, daß nun auch die Heeresgruppe C, die südliche, über den Rhein setzt, die feindlichen Truppen im Elsaß und der Maginot-Linie fesselnd. Eine für uneinnehmbar gehaltene Festungslinie fällt in kürzester Zeit. Aber vorher hatten die deutschen Truppen am 3./ 4. Juni die Hauptstadt Paris kampflos besetzt, und da zugleich ein Keil nach Süden auf die Garonne zu vorstieß, gestaltete sich die Lage Frankreichs hoffnungslos. Hilfe konnte es von niemandem erwarten.
Schon am 10. Juni hatte Reynaud einen verzweifelt-pathetischen Hilferuf an Roosevelt ergehen lassen. Wenn dieser auch antwortete, daß seine Regierung „alles in ihrer Macht Stehende tue", so konnte sie im Augenblick nicht das tun, was allein dem Kampf Sinn und Hoffnung geben konnte: militärisch eingreifen. Das amerikanische Volk war dazu noch nicht bereit, und Roosevelt mußte auf seine Wiederwahl im November bedacht sein. Nur auf die Lieferung von Kriegsmaterial bezog sich jener viel versprechende Passus.
Churchill selbst konnte den Franzosen von nun an nicht mehr bieten, als eine Personalunion mit England einzugehen, d.h. in dieser Situation Frankreich der englischen Regierung zu unterstellen. Der Ministerrat sprach sich dagegen aus, nur sein Präsident Reynaud zeigte sich bereit dazu. Isoliert, blieb ihm nur der Rücktritt. Eine am 17. Juni 1940 unter Marschall Petain gebildete Regierung zog auf Drängen Weygands sofort die Folgerungen. Über Spanien bat sie um Waffenstillstand.
So naht eine der großen Stunden Hitlers, und er weiß sie historisch zu gestalten: den in Paris abgestellten Salonwagen des Marschalls Foch läßt er in den Wald von Compiegne schaffen, so daß sich die Szene vom 9. November 1918 wiederholt. Nur besteigt am 21. Juni eine um Waffenstillstand bittende französische Delegation den Wagen. Noch ein weiterer Unterschied besteht: mit den Besiegten wird so verhandelt, wie ein ehrenhaft und tapfer kämpfender Gegner es erwarten darf. Die Bedingungen freilich sind hart, aber nicht entehrend.
Unterdessen haben sich die Dinge kompliziert. Deutschland ist nicht mehr allein kriegführende Macht, Italien hat am 10. Juni 1940 Frankreich und England den Krieg erklärt, zu einem Zeitpunkt, als der vollständige deutsche Sieg sicher stand. Es geschah nicht mehr zum reinen Vergnügen Hitlers. Aber letztlich ging der Schritt auf die Zusage Mussolinis in dem am Brenner erfolgten Zusammentreffen mit Hitler vom 18. März zurück, wo dieser den Duce eines baldigen Sieges im Westen versicherte.
In dem Maße, wie die Offensive lief und der deutsche Sieg sich
abzeichnete, mehrte sich die Kriegslust Mussolinis. Seine Voraussetzung, daß
der Krieg kurz sein müsse, schien sich so zu erfüllen, daß ihm jetzt nur eine
Gefahr drohte: er könnte zu spät kommen, nicht mehr zur Wirkung gelangen,
nicht mehr die Totenscheine vorweisen können, die ihn berechtigten, am
Verhandlungstisch Platz zu nehmen und die längst proklamierten Forderungen zu
stellen.
Da jetzt aber der Schritt Italiens zum deutschen, Sieg in keiner Weise mehr
beitragen konnte, wurde sein Kriegseintritt in der Welt so gewertet, wie
Francois-Poncet, der letzte Botschafter beim Quirinal, die italienische
Kriegserklärung entgegennahm: „Das ist ein Dolchstoß, der einem am Boden
liegenden Manne versetzt wird." Reynaud nahm den Ausdruck in seinen
Appell an Roosevelt auf, und dieser, der wiederholt Mussolini um strikte
Neutralität ersucht hatte, hielt am gleichen Tage eine Brandrede in
Charlotteville. Er sprach von der europäischen ,,Kriegsflut", die auch
Amerika bedrohe, um darin auszumünden: „An diesem Junitag des Jahres 1940
hat die Hand, die den Dolch hielt, ihn dem Nachbarn in den Rücken
gestoßen."
Die Hybris des genialen Feldherren
Der Sieg im Westen, unbestreitbar der größte der deutschen Geschichte, hob das Selbstbewußtsein des Volkes, ja löste ein sehr wohl zu verstehendes Hochgefühl aus; einen Augenblick paarte es sich auch mit der Hoffnung auf baldigen allgemeinen Frieden. Sie erfüllte sich nicht. Da Hitlers Rechnung auch jetzt nicht aufging, verwickelten sich die Fäden weiter.
Doch seine Propaganda wußte es zu vertuschen. Sie fuhr fort, den „Führer" als größten Feldherrn aller Zeiten zu feiern, diese Vorstellung dem Volk einzuhämmern. Folgenschwer sind die Tatsachen, die sich daraus ergeben. Hitler selbst neigte nur allzu sehr dazu, sich das Verdienst an dem großen Sieg zuzuschreiben, seinen ..Geistesblitz" als das Ausschlaggebende anzusehen. Gewiß, seine schnelle Auffassungsgabe und sein erstaunliches Gedächtnis für militärische Fakten sind nicht zu leugnen, auch nicht, daß er sich an der Festlegung taktischer Einzelheiten beteiligte, und nicht ungeschickt. Aber dieser Autodidakt, der schon in die Planung des Polenfeldzuges hineingeredet hatte — und auch hier nicht zum Nachteil —, fand sich ein weiteres Mal in der Untrüglichkeit seiner Intuition, der Genialität seines Blickes bestätigt. Gegen den ursprünglichen Pessimismus der Generalität hatte er recht behalten. Das erhöhte auch vor dieser sein Prestige, stärkte seine Stellung. Fast überlegen stand der Dilettant vor den Vertretern des Verstandes, der nüchternen Sachlichkeit.
Daß Hitler in entscheidenden Augenblicken die Nerven verlor, wer wußte es außer einem kleinen Kreis? Und er selbst vergaß es schnell. Wo fand jetzt die Hybris des Denkens und Planens noch eine Schranke?
Nicht so, als ob sie sich schon auf neue Unternehmungen gerichtet hätte! Weil aber die Serie der Fehlspekulationen nicht abriß, mußte Hitler nach dem Gesetz, unter das er sich gestellt, weiterschreiten. War die Kriegserklärung der Westmächte die erste Enttäuschung, so bestand die zweite darin, daß sie nach dem Polenfeldzug die ausgestreckte Friedenshand abwiesen. Jetzt harrte seiner die größte.
England setzt auf die Hilfe der Vereinigten Staaten
Die Annahme, daß das isolierte, ganz auf sich gestellte England gegen das an der Kanalküste Stellung beziehende Deutschland nicht weiterkämpfen würde, erwies sich nun ebenfalls als Illusion. Der trotzige, willensstarke Churchill war entschlossen, die letzten Konsequenzen zu ziehen und, das Schicksal des eigenen Landes aufs Spiel setzend, mit der ganzen Entschlossenheit des echten Engländers den Kampf zu führen, anstatt einen von Hitler angebotenen Frieden anzunehmen. Dieser trug sich in der Tat seit dem siegreichen Verlauf des Westfeldzuges mit Gedanken über die Nachkriegszeit. Wie bezeichnend doch ein Vermerk in Jodls Tagebuch vom 20. Mai: „Führer außer sich vor Freude . . . Befaßt sich mit dem Friedensvertrag, der nun lauten soll: Rückgabe des seit 400 Jahren dem deutschen Volk geraubten Gebiets und sonstiger Werte ... Engländer können jederzeit Sonderfrieden haben nach Rückgabe der Kolonien."
Damals schon gedachte Hitler die Friedensverhandlungen mit dem geschlagenen Frankreich in Compiègne zu eröffnen. In jenem Augenblick aber rechnete Hitler noch unabhängig, ganz für sich. Inzwischen war Mussolini in den Krieg eingetreten, Nizzas, Korsikas, Tunis und Dschibutis wegen mit der alten Tradition brechend, niemals England zum Gegner zu haben.
Jetzt blieb auch Italien in den Kampf eingespannt, und die Befürchtung, die Ciano nie losgelassen hatte, in einen langen Krieg verwickelt zu werden, bewahrheitete sich. In diesem Falle bedeutete Italien eine Belastung für Deutschland. Hitler wußte oder ahnte es wohl im Juni; aber die Geste, die er vorher so sehr gewünscht, konnte er nicht mehr zurückweisen.
Weil Hitler an den baldigen Friedenschluß mit England glaubte, traf er nach dem Frankreichfeldzug nicht sofort Kampfmaßnahmen gegen die Insel. Vorsichtig strebt er sogar den Frieden an, läßt Fäden aufnehmen; sie laufen über die Schweiz, über Schweden, die Vereinigten Staaten, selbst den Vatikan. Er macht sich über Churchills Haltung keine Illusion; aber er hofft auf Unstimmigkeit im englischen Kabinett, auf Änderung der Führung; allzu bereitwillig schenkt er Gerüchten darüber Glauben. Und er läßt beruhigende Versicherungen nach verschiedenen Seiten abgeben: daß er gegen freie Hand auf dem Kontinent das Empire vorbehaltlos anerkenne, daß er von der Notwendigkeit der Zusammenarbeit der nordischen Völker überzeugt sei und dergleichen. Er spielt auch das Argument aus, daß für England der Kontinent endgültig verloren und ein Kampf aussichtslos sei. Doch die Sondierungen bleiben ohne Ergebnis.
Zu spät macht sich Hitler mit dem Gedanken vertraut, den Kampf gegen England zu wagen. So beauftragt er am 13. Juli Brauchitsch und Halder auf dem Berghof, praktische Vorschläge für eine Landung in England auszuarbeiten. Und am 16. Juli erläßt er die Weisung Nr.16, die betitelt ist: „Über die Vorbereitung der Landungsoperation gegen England".
Noch hält er das diplomatische Spiel nicht für verloren. Den offenen Zug tut er mit seiner Reichstagsrede vom 19. Juli. Sie ist ein großer, in strotzendem Siegesgefühl gebotener Überblick über die Geschehnisse, eine Rechtfertigung auch der deutschen Handlungen. Und dann kommt zum Schluß, wie am 6. Oktober 1939, wieder die Frage: weshalb den Kampf fortsetzen? Es wäre sinnlos, antwortet er, denn „namenloses Elend und Unglück würde über die Menschen hereinbrechen". Und das Endergebnis wäre: es würde dadurch „ein großes Weltreich zerstört werden. Ein Weltreich, das zu vernichten oder auch nur zu schädigen niemals meine Absicht war." Dann kommen die prophetischen Worte: „Ich bin mir darüber im klaren, daß die Fortführung des Kampfes nur mit der vollständigen Zertrümmerung des einen der beiden Kämpfenden enden wird. Mister Churchill mag glauben, daß dies Deutschland ist. Ich weiß, es wird England sein." Plump fügt er hinzu: Churchill kann ,,diese Erklärung abtun mit dem Geschrei", daß sie nur „Ausgeburt der Angst" und des Zweifels am Endsieg sei. „Ich habe dann jedenfalls mein Gewissen erleichtert gegenüber den kommenden Dingen." Soweit Hitlers „Appell an die Vernunft auch in England".
Nun hatte aber Churchill sich längst festgelegt, seine Entscheidung bereits unmittelbar nach Dünkirchen, am 4. Juni mit den Worten getroffen: obgleich große Gebiete von Europa unter das Joch der „scheußlichen Naziherrschaft gefallen sind oder noch fallen werden", England werde „nicht wanken noch weichen, sondern den Kampf fortsetzen, bis, zur gottgewollten Stunde, die Neue Welt mit all ihrer Macht und Kraft zur Hilfe und Befreiung der Alten auftritt". Und 14 Tage später, am Vorabend der Kapitulation Frankreichs erklärte er: daß nun die ganze Last des Kampfes auf England fallen, die „ganze Wut und Macht des Feindes" sich gegen es wenden werde. Aber „handeln wir so, daß, wenn das britische Reich und seine Volksgemeinschaft noch tausend Jahre bestehen, die Menschen immer noch sagen werden: das war ihre größte Stunde."
Jetzt muß Hitler erkennen, daß England gewillt ist, den Kampf aufzunehmen, und daß dieser nur durch eine Landung ausgetragen werden kann, zumindest mit ihr gedroht werden muß. In aller Hast wird das Unternehmen „Seelöwe" vorbereitet. Über seine Durchführung selbst aber bestehen von Anfang an starke Meinungsverschiedenheiten zwischen Heeres- und Marineleitung. In einem Punkte nur ist man sich einig: die Grundbedingung des Erfolges ist die Ausschaltung der gegnerischen Luftwaffe, ist die Beherrschung des Luftraumes über England durch die deutsche Luftwaffe, der auch die Rolle der Artillerie bei der Übersetzung zugedacht ist.
Daß die Engländer sich auf der Insel zum Kampf stellen wollen, ist für Hitler das große Rätsel. Er findet eine Antwort nur darin: sie hoffen auf Amerika und Rußland.
An Präsident Roosevelt waren während des Westfeldzuges dringende Hilferufe der Engländer und Franzosen ergangen. Er konnte sie nicht im gewünschten Sinne aufnehmen. Doch seine wahren Absichten hatten seine „Kaminplaudereien" und Pressekonferenzen klar zu erkennen gegeben.
Und Rußland? Es ließ nichts an sich Beunruhigendes erkennen. Stalin hatte freilich die Gelegenheit zu nutzen verstanden und die ihm zugesprochenen Interessengebiete während des Frankreichfeldzuges der Sowjetunion rigoros einverleibt. Hitler sah es mit Mißbehagen. Offenbar gewann er den Eindruck, daß der russische Diktator mit England kokettiere, um dessen Widerstandswillen zu stärken. Er vermutete wohlrichtig: Stalin hatte an einem baldigen Friedensschluß kein Interesse; er wollte Deutschland nicht zu stark werden lassen und Zeit gewinnen, die russische Position zu festigen und auszubauen.
Nun aber hat höchstwahrscheinlich das russische Problem nie aufgehört, Hitler zu beschäftigen. So versteht sich seine Reaktion, es jetzt in einem Zuge zu lösen und zugleich England die Hoffnung zu nehmen, einen „Festlandsdegen" zu finden.
Es mag auch bereits die Überlegung mitgespielt haben: ist Rußland ausgeschaltet, wird eine amerikanische Intervention sinnlos. Seit Mitte Juli gehen Hitler derartige Gedanken durch den Kopf. Und am 21. Juli beauftragt er Brauchitsch, die operativen Überlegungen dafür anzustellen.
Als Ziel scheint ihm vorgeschwebt zu haben, das russische Heer zu zerschlagen und mindestens ein so großes Gebiet zu erobern, daß das Reich gegen jeden Luftangriff abgeschirmt wäre und andererseits das restliche Rußland mit der eigenen Luftwaffe beherrscht werden könnte. Aber ein Ostaufmarsch verlangt Zeit. Schnell stellt sich heraus, daß die Operationen frühestens zu Beginn des Herbstes anlaufen könnten, also zu ungünstigster Zeit. So wird dieses Unternehmen auf das Frühjahr 1941 vertagt, und Hitler erwägt die Möglichkeiten, Rußland zunächst gegen England einzuspannen.
Göring ändert die Strategie
des Luftkampfes über England eigenmächtig
Unterdessen läßt er die Vorbereitungen für „Seelöwe" weiterlaufen. An die Luftwaffe ergeht die Weisung, den Gegner in der Luft möglichst bald niederzuringen. Das ist leichter befohlen als getan. Zwar wird diese Phase der Schlacht gegen England ohne Zögern eingeleitet. Aber eine Bedingung ist nicht bestimmbar: das Wetter. Dieses ist zeitweise so ungünstig, daß der Großkampf nicht am 8. August, wie vorgesehen, sondern erst am 11. August anlaufen kann. In ihm stellt sich sehr schnell heraus, was die Führung hätte wissen müssen: wie stark der Gegner und wie schlagkräftig er in Wirklichkeit ist. Überraschend hoch sind deshalb auch die Verluste. Schon in der ersten Woche des Großkampfes gehen 261 Flugzeuge verloren. Ins Gewicht fällt: jedes über England abgeschossene deutsche Flugzeug ist ein Totalverlust; die Engländer aber verlieren nur die abgeschossene Maschine, nicht unbedingt zugleich ihre Besatzung. Sie verfügen auch über bessere Ortungsgeräte (Radar). Ihre Taktik erweist sich der deutschen als ebenbürtig, wenn nicht überlegen.
Nur in einem sind die Engländer im Nachteil: sie verfügen über den geringeren Pilotenbestand, während sie den Verlust an Flugzeugen auszugleichen vermögen; die Kapazität ihrer Flugzeugindustrie ist der deutschen im Augenblick durchaus adäquat.
Eine ernsthafte Krise drohte, wie heute feststeht und Churchill uns sogar plastisch bezeugt, nach der ersten Septemberwoche: die „ganze Organisation der Jägerkommandos wäre zusammengebrochen" und „die Luftherrschaft verlorengegangen", wenn die Deutschen ihre Angriffe gegen die Luftwaffe selbst und ihre Bodenorganisation fortgeführt hätten. Aber gerade zu diesem Zeitpunkt ändert der Reichsmarschall den Operationsbefehl: er führt den Luftkrieg eigenmächtig, geht über zu Angriffen auf London und Industriezentren, glaubt offenbar, dadurch England zur Kapitulation reif machen zu können. Unbewußt läßt er sich die Luftherrschaft, die teilweise errungen war, wieder entgleiten.
Um die Luftherrschaft endgültig zu erringen und damit die Grundvoraussetzung für die Landung zu schaffen, hätte es auf jeden Fall einiger Zeit bedurft, länger, als die Witterungsbedingungen über dem Kanal das Übersetzen gestatteten. So haben wir den Tatbestand: der Luftwaffe wird eine Aufgabe zugemutet, die sie nach Lage der Dinge kaum erfüllen kann. Auch diesmal hat sich ihr Oberbefehlshaber in seiner rechthaberischen Art weit übernommen. Und er bezahlt den praktisch ergebnislosen Kampf um England mit über 1700 Flugzeugen, davon die Hälfte an Jägern (vom 10. Juli bis 31. Oktober 1940) Damit war auch der Kernbestand der Piloten äußerst hart getroffen. Letzten Endes zog der Gegner aus der Luftschlacht über England die größeren Vorteile; denn in ihr wurden für den modernen Luftkrieg wertvolle Erfahrungen gesammelt, die auszuschöpfen den Deutschen nicht in gleichem Maße gelang.
Dennoch wäre, wie Einzeluntersuchungen zeigen und auch aus Raeders Ausführungen hervorgeht, die Landung nicht automatisch erfolgt, wenn die Luftwaffe die Grundbedingung geschaffen hätte. Nach wie vor gingen die Auffassungen des ObdH und des ObdM auseinander. Brauchitsch war an sich optimistisch, Raeder dagegen pessimistisch; jener wollte auf breiter Landungsfront, auf ungefähr 100 km, übersetzen, dieser erklärte, eine Überfahrt auf breitem Räume nicht absichern zu können; er hielt die junge und bereits geschwächte Flotte dazu von vornherein für außerstande. Und er kannte auch die Engländer soweit: daß sie ihre Flotte bis zum letzten einsetzen würden, um das Unternehmen zu vereiteln.
Ferner: die in nichts vorbereitete Landung ließ sich nicht improvisieren. Hitler hatte sie deshalb nie in Erwägung gezogen, weil er fest davon überzeugt gewesen war, daß England durch Blockade und Luftwaffe auf die Knie gezwungen werden könne. Die Bürgschaft für den Sieg über dieses hatte ihm stets im Besitz der Kanalküste und der französischen Atlantikhäfen gelegen.
So kann also der angeforderte Transportraum nicht bis zum 13. August, wie Hitler es will, bereitgestellt werden, sondern frühestens zum 13. September. In der Tat werden bis dahin in den Häfen von Antwerpen bis Le Havre die nötigen Schiffe zusammengezogen. Aber da nahen schon die Tage, wo die Witterungsbedingungen für die Prähme, Leichter, Schlepper, Motorboote usw. das Unternehmen äußerst gewagt machen. Über die Größe des Wagnisses war sich Hitler im klaren und damit auch über die politischen Auswirkungen eines Mißlingens.
Schon in seiner Ansprache an die Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtteile am 21. Juli wies er darauf hin, gab offen zu, auf einen bis zum letzten entschlossenen, nicht zu überraschenden Gegner zu stoßen, und er erkannte auch das Problem der Nachschubsicherung in vollem Umfange, zumal er damals 40 Divisionen für den Einsatz vorsah. Auch über die zeitliche Begrenzung herrschte bei ihm kein Zweifel: er nannte den I5· September als den Termin, zu dem die Hauptoperation abgeschlossen sein müsse, Von vornherein scheint er unsicher, wenn nicht skeptisch gewesen zu sein. Denn da sagt er ausdrücklich: die Landung komme nur in Frage, wenn England auf andere Weise nicht zum Frieden gezwungen werden könne. Inwieweit dies auf die Darlegungen Raeders zurückzuführen ist, mag offen bleiben. Es fällt aber eines auf: bei der Planung wichtiger Unternehmungen beteiligte er sich stets, redete hinein; hier hielt er zurück, zeigte sich ausgesprochen desinteressiert.
Die gesetzten Termine verstrichen. Am 13. September berief Hitler die Oberbefehlshaber der Wehrmachtteile in die Reichskanzlei und eröffnete ihnen: zwar würde eine Landung den Krieg schnell beendigen, aber eine zwingende Notwendigkeit, das Unternehmen sofort durchzuführen, bestehe nicht. Er kündigte eine baldige Entscheidung darüber an, ließ aber zur Täuschung des Gegners die Landungsvorbereitungen demonstrativ fortsetzen.
Von Tag zu Tag haben die Engländer der Landung entgegen gesehen, wohl besser: ihr entgegen gebangt. Von Tag zu Tag wartete mit der Welt das deutsche Volk auf die Sondermeldung, die das Ereignis ankündigen sollte. Sie kam nicht. Am 12. Oktober wurde ,,Seelöwe'' auf das Frühjahrvertagt, d.h. aufgegeben.
Die Wehrmacht verliert die Handlungsinitiative
Eine erste Parallele zu Napoleon drängt sich auf. Auch er hatte 1805 seine Vorbereitungen zur Landung an der Kanalküste so weit vorangetrieben, daß sie den Erfolg verhießen, wenn eine Voraussetzung geschaffen war: daß sein Admiral Villeneuve die englische Flotte fortlockte und im Atlantik fesselte, während sich der Übergang vollziehen sollte. Der Admiral versagte und Napoleon verzichtete auf ein Unternehmen, dessen Gelingen über seine Stellung in Europa entschieden hätte, und zerschlug statt dessen die in seinem Rücken sich anbahnende Koalition, um wenigstens den Kontinent sicherer zu beherrschen. Wie Hitler, so ist auch er eine gewisse Unsicherheit dem ihm unbekannten Element gegenüber, dem Meere, nie losgeworden; deshalb fiel ihm die Wahl des Umweges nicht allzu schwer; er glaubte indirekt zu erreichen, was ihm in unmittelbarem Anlauf versagt blieb.
Hitler schwebte Ähnliches vor. Aber von Anfang an wirkte sich die Fehlentscheidung von Dünkirchen sehr belastend aus. Hier hatte er gegen den von ihm stets verkündeten Grundsatz verstoßen, den jeweiligen Gegner schnell und vollständig zu vernichten. Aus militärischen, vom Gesamtfeldzug gegen Frankreich bedingten, vielleicht auch politischen Gründen, überdies von seinem Luftmarschall irregeführt, hatte er sich einen Totalsieg entgehen lassen und, indem er die Engländer entkommen ließ, Churchill die Kader für die neu aufzubauende Armee verschafft, obendrein auch der Kampfmoral Englands ungeheuren Auftrieb gegeben. Das machte den Plan, wenn je er bestand, im Frühjahr 1941 die Landung durchzuführen, von vornherein illusorisch. Andererseits: die Suche nach dem indirekten Weg bedeutet nach der ganzen Sachlage einen offenen Rückschlag. Der Faktor „Zeit", der in Hitlers Denken immer eine primäre Rolle spielte, drückt jetzt sichtlich auf ihn. Mit den Russen hält er langen Frieden nicht für wahrscheinlich, und die Amerikaner stehen drohend im Hintergrund. Roosevelt hat, wie ausgeführt, längst persönlich Stellung bezogen; sein ganzes Mühen richtet sich offensichtlich darauf, die Neutralitätsgesetze so vorsichtig abzubauen, daß es seine neue Präsidentschaftskandidatur nicht gefährdet. Wie wenig er gewillt war, eine Veränderung der Machtverhältnisse in Europa hinzunehmen, zeigten schon deutlich die im Februar/März von seinem Staatssekretär Sumner Welles unternommenen Vermittlungsversuche. Die vorausgegangene Aufstellung eines großen Programms für die Aufrüstung der Marine hatte dies unterstrichen. Nun ergeht am 16. September ein Gesetz, das zur Einführung der Wehrpflicht überleitet; denn der Selective-Service-Act sieht die Musterung aller Männer von 21 bis 36 Jahren vor.
Japan tritt dem Bündnis der Achsenmächte bei,
nachdem ihm falsche Voraussetzungen vorgespiegelt wurden
Die klar sich abzeichnende Tendenz der amerikanischen Politik der Einmischung ist zweifellos der unmittelbare Grund für den am 27. September 1940 zwischen den Achsenmächten und Japan geschlossenen Dreimächtepakt. Sein politisch-militärischer Sinn erhellt aus den Bestimmungen: die Partner kommen überein, eine neue Ordnung in Europa und Ostasien aufzubauen, und verpflichten sich zu gegenseitiger Hilfeleistung, falls eine neue Großmacht in den Kampf eintreten sollte. Mit dieser Großmacht konnte nur Amerika gemeint sein, dessen Beziehungen zu Japan bereits gespannt waren. Aber indem dieses sich auf zehn Jahre festlegt, darf Hitler hoffen, daß sein Partner im Fernen Osten den Großteil der militärischen Macht der Vereinigten Staaten binden und daß auch deren wirtschaftliches Potential nicht in Europa wirksam werden wird. Der Pakt enthält zudem die sehr interessante Feststellung, daß der zur Sowjetunion bestehende Zustand nicht berührt werde. Besagte das für die Japaner anderes, als daß die Freundschaft mit Rußland weiterhin eine Grundkomponente der deutschen Politik bilden werde? Auf jeden Fall sollten die Folgerungen, die sich daraus ergaben, für Hitler eines Tages peinlich sein.
Der Mittelmeerraum tritt ins Zentrum -
liegt aber weit außerhalb von Hitlers wirklichen Interessen
Zunächst schien sich alles gut anzulassen, der indirekte Weg gegen England sich geradezu anzubieten. Franco-Spanien hatte Deutschland seine Sympathie bekundet, indem es sich als nicht-kriegführende Macht erklärte. Mitte September besucht sein
Außenminister Serrano Suner Berlin und bekommt als Geschenk auf den Weg die Aussicht auf französischen Kolonialbesitz. Eine Abstimmung mit Italien erweist sich jedoch als notwendig, denn die spanischen Forderungen sind beträchtlich. Hitler und Mussolini treffen deshalb Anfang Oktober am Brenner zusammen, um die politische Strategie festzulegen. Und dann trifft sich Hitler selbst am 23. Oktober in Hendaye, nahe der spanischen Grenze, mit Franco, um ihn zu bewegen, ebenfalls in den Krieg einzutreten und sich so die Anwartschaft auf die Hinterlassenschaft des sterbenden Löwen zu erkämpfen. Ein Feilschen entspinnt sich, in dem der deutsche Diktator seinen Meister findet. Franco weicht in stundenlangen Verhandlungen jeder festen Bindung aus; ob und wann er in den Krieg eintrete, will er selbst bestimmen; er betont die wirtschaftlich prekäre Lage seines Landes, bedingt sich große Lieferungen aus und feste Zusagen über neuen Kolonialbesitz.
Das heiße Werben um Spanien hat seinen Grund: die Planungen für den Angriff auf Gibraltar, „Unternehmen Felix", sind längst in Angriff genommen; es soll Anfang Januar 1941 abrollen. Gibraltar in deutschem Besitz hätte kriegsentscheidende Bedeutung haben können. Es ist nicht dazu gekommen, weil Franco sich auf die beobachtende, abwartende Haltung versteifte. Und dazu hatte er seine Gründe. Schon die Tatsache, daß die so fest angekündigte Landung in England unterblieb, war ein politisches Ereignis; es bewies die Stärke des Inselreiches und dokumentierte, daß auch Hitlers Wille Schranken gefunden hatte. So konnte ihm die englische Diplomatie, von Amerika zunehmend unterstützt, wirksamer entgegen arbeiten. Sie tat es in Madrid mit ebensoviel Erfolg wie in Vichy, dem Sitz der Regierung Petains.
Mit Petain kam Hitler ebenfalls nicht ins fruchtbare Gespräch. Zwar ließ er von Hendaye aus seinen Zug über Montoire leiten, wo er mit dem französischen Staatschef und dessen Stellvertreter Laval zusammentraf und in gewähltem Rahmen eingehende Gespräche führte. Beide Seiten betonten ihren aufrichtigen Willen zur Zusammenarbeit, zu einer Neugestaltung des deutsch-französischen Verhältnisses; ja Hitler arbeitete mit der Fiktion: eine eindeutige Stellungnahme Frankreichs sichere diesem bei der zu erwartenden Totalniederlage Englands weiterhin eine führende Stellung als europäische Großmacht mit unvermindertem Kolonialbesitz. Trotzdem kommt es zu keiner bindenden Abmachung. Montoire sollte zu einem Begriff ohne Realität werden; nie hat es eine wahre Politik von Montoire gegeben. Wie weit dies auf das Konto Hitlers geht, wird sich zeigen.
Tatsache ist aber andererseits: die gegnerische Diplomatie arbeitete erfolgreicher in dem Maße, wie sich die Fäden der Achsenpolitik verwickelten. Das ist jetzt schon ganz deutlich sichtbar. Zu seiner Bestürzung erfährt Hitler auf der Rückreise von Montoire, daß Mussolini den Angriff auf Griechenland von Albanien aus eingeleitet hat. Endlich wollte der Duce beweisen, daß auch er vollendete Tatsachen zu schaffen verstand; mit Zinsen und Zinseszinsen wollte er zurück zahlen: aus den Zeitungen sollten die Deutschen seine Offensive erfahren. Hitler wußte zwar von der Planung, hielt sie jedoch für baren Unsinn und gedachte, wie Halder am 24. Oktober notiert, an Mussolini deswegen zu schreiben, was tatsächlich auch geschehen ist. Bei der Begegnung am Brenner, am 4. Oktober, war offenbar dieser Punkt nicht besonders berührt worden. Aber am 15. Oktober hatte ein Kriegsrat in Rom getagt, der das Unternehmen festlegte. Wegen der Form, in der es geschah, ist er denkwürdig. So als besprächen sich die knabenhaften Anführer eines Kriegsspiels!
Ein kurzfristiges Ultimatum bildet den Auftakt. Hitler, dem das Übergreifen des Krieges auf den Balkan ganz ungelegen kommt, läßt seinen Sonderzug nach Florenz umleiten, um das Schlimmste zu verhüten. Aber dort empfängt ihn Mussolini damit: ,,Führer, wir marschieren."
Nun, es wurde kein Marsch, an dessen Weg Lorbeeren wuchsen. Der dilettantisch begonnene Feldzug gestaltete sich zur offenen Niederlage. Nicht Griechenland eroberten die Italiener, sondern die Griechen wehrten den Angriff ab und besetzten bald ein Drittel Albaniens. Die Ausweitung des Krieges ist da; denn England antwortet auf den Angriff Italiens mit Verminung der griechischen Gewässer und mit Errichtung von Luft- und Seestützpunkten auf Kreta. Wie sehr Hitler von dieser Wendung betroffen war, zeigt die Bemerkung, die Ciano seinem Tagebuch anvertraut: „Hitler ist pessimistisch und hält die Lage auf dem Balkan für beträchtlich gestört. Seine Kritik ist rückhaltlos." Damit hat er selbst Mussolini gegenüber nicht zurückgehalten, wie sein Brief vom 20. November an diesen zeigt: „Als ich Sie bat, mich in Florenz zu empfangen, trat ich die Reise an in der Hoffnung, Ihnen noch vor dem Beginn der drohenden Auseinandersetzung mit Griechenland, von der ich nur im allgemeinen Kenntnis erhalten hatte, meine Gedanken darlegen zu können. Ich wollte zunächst bitten, die Aktion noch hinauszuschieben, wenn möglich, bis zu einer günstigeren Jahreszeit, auf alle Fälle aber bis nach den amerikanischen Präsidentenwahlen ... Der nunmehr eingetretene Tatbestand hat schwere psychologische und militärische Auswirkungen ... Die militärischen Folgen der Entwicklung, Duce, sind sehr schwer." Hitler weist vor allem auf die Gefahr hin, der jetzt die rumänischen Olfelder ausgesetzt sind. Mussolini kann nicht umhin, den Zerknirschten zu spielen und seinem Bedauern Ausdruck zu geben, daß sein am 19. Oktober geschriebener, aber geschickt mit Verzögerungen hinter Hitler hergeleiteter Brief diesen nicht rechtzeitig erreicht habe, sonst hätte er sich ,,wie bei anderen Gelegenheiten strikt'' an seinen Rat gehalten; jetzt will er alle Maßnahmen akzeptieren, die sein Bundesgenosse treffen will, um die Situation wieder herzustellen.
Er hatte noch andere Gründe, zerknirscht zu sein. Der am 12. November geflogene Angriff der Engländer auf die im Kriegshafen Tarent liegenden Flotteneinheiten hatte verheerende Wirkung gehabt. Die schwer angeschlagene italienische Flotte hatte daraufhin nicht gewagt, sich den herausfordernden Engländern zum Kampfe zu stellen. Weiteres sollte auf dem Fuße folgen: eine offene Niederlage in Afrika. Ein Vorstoß auf die ägyptische Grenze der 10. italienischen Armee löst am 9. Dezember eine Gegenoffensive unter General Wavell aus. Von Sidi Barrani aus dringen die Engländer durch die Cyrenaika über Tobruk, Benghasi bis El Agheila vor. 130.000 italienische Kriegsgefangene und große Beute an Material bleiben in ihren Händen. Die Stunde ist gekommen, wo Deutschland rettend mit einem Afrikakorps unter General Rommel einspringen muß, um Schlimmstes zu verhüten. War es ein Wunder, daß Spanien sich weiterhin versagte?
In dem Augenblick, in dem Hitler sich bewußt wurde, daß ein Kriegsende in weite Ferne gerückt sei, erkannte er auch klar die entscheidende Bedeutung der künftigen Haltung der Sowjetunion.
Deshalb die Einladung des russischen Außenministers Molotow nach Berlin. Aufgezogen als Gegenbesuch auf die Besuche Ribbentrops in Moskau, ging es bei diesen Gesprächen am 12. und 13. November 1940 um schicksalhafte Fragen. Ribbentrop blieb es vorbehalten, den russischen Außenminister auf das große Angebot vorzubereiten. Er nahm dabei, wie berichtet wird, eine Lieblingspose ein: im Sessel weit zurückgelehnt, die Augen geschlossen, als folge er einer Vision, redete er minutenlang. Molotow verhielt, lächelte. — Diese von ihm so meisterhaft beherrschte Kunst übte er auch in den Unterredungen mit Hitler, als dieser den angedeuteten Gedanken präzis entwickelte: Aufteilung Afrikas und Asiens in Interessensphären, Zugang zu den Weltmeeren für die jungen Großmächte, Zusammenschluß zu enger Solidarität, um der kommenden Weltgefahr „Amerika" zu begegnen usw. Wieder denkt man an eine Episode früherer Zeit, an jene Stunde, in der Napoleon auf dem Floße in der Memel bei Tilsit das romantische Gemüt des russischen Zaren Alexander mit Welteroberungs- und Weltteilungsplänen einzufangen verstand und ihn an seine Seite gegen England führte.
Doch Molotow war genau so wenig wie Stalin eine romantische Natur. Er anerkannte, daß die großen von Hitler entwickelten Fernziele verlockend seien, daß Rußland noch mancherlei Ansprüche zu stellen habe, ehe es saturiert sei; aber er fand es realpolitischer, sich erst über die Nahziele einig zu werden, die Reibungsflächen, die an den russischen Flanken entstanden waren, Balkan und Finnland, zu glätten. Kann man sich im Kleinen einigen, dann wird man es auch im Großen können: das war die Quintessenz seiner Überlegungen. Die Versicherung Hitlers, daß die Entwicklung des Krieges Deutschland zu Maßnahmen veranlasse, die keineswegs ein dauerndes deutsches Interesse dokumentieren sollten, verfingen nicht; auch nicht der Hinweis, daß ein Zugeständnis bezüglich der Meerengen mit Mussolini abgestimmt werden müsse. Molotow fand Gründe, sich der von Hitler gewünschten Stellungnahme vorläufig zu versagen: dem Dreimächteabkommen beizutreten. Ein psychologisches Moment mochte hinzukommen: es hatte auch Luftalarm gegeben, und man hatte den Luftschutzbunker aufsuchen müssen.
Englische Bomber über Berlin, das kontrastierte bedenklich mit der Behauptung Hitlers und Ribbentrops, England sei praktisch erledigt, liege in den letzten Zügen und habe dies nur deshalb noch nicht begriffen, weil es ,,von einem Dilettanten namens Churchill geführt" werde, der bisher versagt habe und auch weiter versagen werde. Auch die Russen verfolgten aufmerksam die Weltlage.
Molotow sprach in Berlin nicht das berüchtigte „nein", aber Stalin präzisierte die Bedingungen für einen Beitritt der Sowjetunion zum Dreimächteabkommen, indem er Forderungen stellte, die für Hitler weitere Verhandlungen zwecklos machten. Er war nicht der Mann beweglicher Diplomatie, verstand sich nicht auf kluges Nachgeben.
Anstatt die Russen durch alle möglichen Konzessionen zu gewinnen und eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen und England zu schaffen, um dieses friedensreif zu machen, wählt Hitler seinen Weg: in der Weisung Nr.21 vom 18. Dezember 1940 ordnet er die Vorbereitung für den Ostfeldzug an. So wird der bereits im Sommer vorgesehene „Fall Barbarossa" als Ausweg aus einer Zwangslage akut. Hitler hat sich damit selbst politisch an die Wand gespielt.
Seine letzten praktischen Erfolge auf diesem Feld sind der Beitritt Bulgariens, Rumäniens, Ungarns und der Slowakei zum Dreimächtepakt. Als diesem außerdem noch die Regierung des Prinzregenten Paul Ende März 1941 für Jugoslawien beitritt, da wischt ein Staatsstreich sie weg. Deutschfeindliche Kundgebungen unterstreichen dessen Natur. Die neue, von General Simovitsch gebildete Regierung unter dem für volljährig erklärten Peter II. schließt mit der Sowjetunion einen Nichtangriffs- und Freundschaftspakt. Damit sind die Fronten klar. Denn auch England hatte offensichtlich in Belgrad die Hand im Spiel.
Das ist für Hitler Grund genug, nach seiner Art zu handeln. Seit Dezember bereitet er einen Schlag gegen Griechenland vor. Er wird geradezu notwendig, als Anfang März die Engländer gar noch Truppen im Piräus landen. Aber nun ist er gewillt, auch die Herausforderung Jugoslawiens zu ahnden und so den Balkan in einem Zuge zu bereinigen. Dies legen wirtschaftliche Gesichtspunkte ebenso nahe, wie allgemein politische. Das für die Kriegführung der Achsenmächte unentbehrliche rumänische Öl ist in der Tat gefährdet. Ferner: Solange die Engländer an der Südostflanke sitzen, steht die Türkei unter einem Druck, der nicht mehr kontrolliert werden kann. Und endlich:
Der Rußlandfeldzug ist beschlossene Sache, der Angriff auf Mitte Mai angesetzt; es scheint aber höchst gefährlich, eine Flanke offen zu lassen, deren Entwicklung nicht abzusehen ist.
So handelt Hitler mit der üblichen Eile. Am 6. April beginnt ganz überraschend der Balkanfeldzug mit den beiden operativen Zielen: Zertrümmerung Jugoslawiens und Besetzung Griechenlands. Beide Operationen haben einen vollen Erfolg. Dem konzentrisch von drei Richtungen aus mit italienischer, ungarischer und bulgarischer Beteiligung geführten Angriff erliegt Jugoslawien in nur zwölf Tagen. Der Großteil seiner Armee, rund 350.000 Mann, kapituliert. Genau so vollständig ist der Sieg auf griechischem Gebiet. Am 27. April schon rücken die deutschen Truppen in Athen ein. Die Engländer retten sich fluchtartig auf ihre Schiffe; die griechischen Inseln werden besetzt; die Eroberung von Kreta Ende Mai schließt den Balkanfeldzug ab.
„Das Wichtigste zuerst":
Dies ist keine Devise in Hitlers Denken
Die Flanke ist frei. So kann der lang vorbereitete und sorgenvoll überlegte Feldzug gegen Rußland beginnen. Aber kann er noch den Sinn haben, England schachmatt zu setzen? Denn dafür hätte sich jetzt eine andere Lösung finden lassen.
Den Balkan, die ägäische Inselwelt nunmehr fest in deutscher Hand, konnte man sich eine idealere Absprungbasis für den Kampf gegen England wünschen? Um so verlockender, weil sich durch den Einsatz des Afrikakorps unter General Rommel auch hier die frühere Lage wiederhergestellt hatte. Der am 24. März von der Syrte aus unternommene Angriff traf, obwohl mit schwachen Kräften geführt, die Engländer so hart, daß sie nacheinander die eroberten Positionen räumten. Über Benghasi,
Sollum rücken die deutschen Truppen bis an die ägyptische Grenze vor, an der sie stehen, als Kreta in deutsche Hand fällt.
An den Suezkanal vorstoßen, Malta nehmen und damit England im Mittelmeer schachmatt setzen: das schien sich geradezu anzubieten. Die Seekriegsleitung glaubte hier eine klare Chance zu erkennen, und sie drängte darauf, sie wahrzunehmen. Eine schnelle Entscheidung war zu erwarten, die Entscheidung, welche unter Umständen Wende und Ende des Krieges bringen konnte.
Die Engländer selbst fürchteten, daß hier die deutsche Kriegführung nun ansetzen werde. Eine tiefe Depression überkam sie, der auch Churchill nicht widerstand. Denn die Wende auf dem Balkan hatte auch die an das Mittelmeer angrenzenden Völker,
die gesamte arabische Welt erschüttert, das Prestige Englands geradezu vernichtet, niemand gab ihm in diesem Augenblick mehr eine Chance.
Aber Hitler ließ sich nicht locken, nicht umstimmen, er blieb bei seinem Entschluß. Das ist einigermaßen erstaunlich; denn mit dem Gedanken an sich hatte er sich ein halbes Jahr früher bereits vertraut gemacht, wie sein Brief vom 20. November an Mussolini zeigt, in dem er betont: Spanien muß sofort bewogen werden, in den Krieg einzutreten; durch den Fall von Gibraltar wird das Mittelmeer nach dem Westen abgeriegelt; außerdem wird dadurch Französisch-Nordafrika am sichersten der Regierang Petains erhalten. Das wichtigste Ziel aber ist zunächst die Ausräucherung der englischen Flotte; setzen wir unsere Luftflotte richtig ein, „so wird das Mittelmeer in drei bis vier Monaten zum Grab der englischen Flotte werden".
Das alles galt für Hitler auf einmal nicht mehr. Es kann kaum damit zusammen hängen, daß das OKH sich für dieses weit reichende Unternehmen nicht begeisterte, weil es die zu seiner Unterstützung notwendigen Seestreitkräfte im Mittelmeer für unzulänglich hielt.
Denn Hitler befahl ohne Bedenken andere Operationen gegen jeden sachlichen Einwand, wenn seine persönliche Zielsetzung sie forderten. Er ließ sich einfach von Rußland jetzt nicht mehr ablenken.
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Martin Göhring:
Bismarcks Erben 1890-1945. Deutschlands Weg von Wilhelm II bis Adolf Hitler. Steiner: Wiesbaden (2.Auflage) 1959 |
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